Auf zu neuen Ufern

Artikel: Katja Vaders

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer heißen Phase der Transformation. Neben demografischem Wandel und Digitalisierung bewegt Unternehmen vor allem die Klimakrise, der sie mit der Entwicklung seriöser Nachhaltigkeitsstrategien entgegentreten wollen. Auch die Bayer AG stellt sich der Herausforderung, die wohl größte Transformation seit Beginn der Industrialisierung zu bewerkstelligen.

Das Thema nachhaltige Transformation beschäftigt die globale Wirtschaft branchenübergreifend. Ob aufgrund der Klimakatastrophe, des Pariser Abkommens, politischer Auflagen oder gesellschaftlicher Erwartungen: Unternehmen und Konzerne entwickeln unter Hochdruck Strategien, wie sie Emissionen reduzieren sowie nachhaltige Geschäfts-modelle aufbauen und realisieren können. Nachhaltigkeit ist also längst mehr als ein Goodie für besonders bewusste Verbraucher:innen, sie hat vielmehr wirtschaftliche Relevanz für nahezu alle modernen Unternehmen. Dementsprechend legt auch die Bayer AG mit Sitz in Leverkusen einen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsstrategien.

Im Jahr 1863 gründen der Farbstoffhändler Friedrich Bayer und der Färbermeister Johann Friedrich Weskott ihre Firma im heutigen Wuppertal. Sie wächst schnell, wird bereits 1881 zu einer Aktiengesellschaft und entwickelt sich in den Folgejahren zu einem international tätigen Chemieunternehmen. Inzwischen ist Bayer ein global agierender Life-Science-Konzern und hat allein in Deutschland 18.700 Beschäftigte; weltweit gliedert sich das Unternehmen in rund 291 Gesellschaften in 80 Ländern auf.

Bei der Erforschung von Raps-Hybriden verhindern Forschende die Selbstbestäubung von Rapsblüten, indem sie die Staubblätter entfernen.

Neben der stetig wachsenden Weltbevölkerung ist für Bayer vor allem der Klimawandel die größte Herausforderung der Menschheit, der man als weltweit führendes Unternehmen im Bereich Gesundheit und Ernährung entgegenwirken möchte. Dementsprechend ist die Geschäftsstrategie des Konzerns auf die globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ausgerichtet. „Die Strategie leitet unser Handeln entlang der gesamten Wert-
schöpfungskette und ist eng mit unserer Unternehmensmission ‚Health for all, Hunger for none‘ verbunden. In Forschung und Entwicklung bedeutet das, dass wir Innovationen gezielt darauf ausrichten, einen messbaren Beitrag zu Ernährungssicherheit, Gesundheitsversorgung und zur Reduktion unseres ökologischen Fußabdrucks zu leisten“, erklärt Daniel Schneiders, Director Climate & Water bei der Bayer AG.

Daniel Schneiders, Director Climate & Water bei der Bayer AG

„Wir sehen große Hebel in unseren Produkten und Lösungen, etwa durch Innovationen für klima- und ressourcenschonende Landwirtschaft sowie besseren Zugang zu Gesundheitslösungen“, so Daniel Schneiders weiter. Dazu setzt Bayer in der Agrarwirtschaft auf ein inklusives Wachstum in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommensniveau (low and middle income countries, kurz LMICs), unterstützt Kleinbauern vor Ort und engagiert sich für Lösungen für eine emissionsarme, resiliente Landwirtschaft, den Schutz von Biodiversität und fördert einen reduzierten Einsatz von Wasserressourcen. Im Bereich Gesundheit arbeitet der Konzern weltweit an der Prävention sowie der Behandlung von Krankheiten mit und macht in LMICs entsprechende Produkte verfügbar und bezahlbar. Außerdem stärkt Bayer Produktions- und Lieferketten im Pharmasegment.

Ein weiteres Kernziel des Konzerns ist die Dekarbonisierung der eigenen Standorte. Dazu gehören die Reduktion der eigenen Treibhausgasemissionen (Scope 1 und Scope 2) sowie entlang der Wertschöpfungskette (Scope 3), die von der Science Based Targets initiative (ein Verbund von Non-Profitorganisationen, darunter WWF und die UN) bestätigt wurden. Bayer möchte mit seinem Engagement nicht nur die eigene Resilienz gegen Auswirkungen des Klimawandels erhöhen, sondern auch die seiner Kund:innen. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 oder früher eine Netto Treibhausgasemission von Null einschließlich der gesamten Wertschöpfungskette zu erreichen. Dies bedeutet eine Reduzierung der absoluten Treibhausgasemissionen von Scope 1, 2 und 3 um 90 Prozent im Vergleich zum Basisjahr 2019. Die verbleibenden Emissionen werden durch langfristige Emissionsgutschriften ausgeglichen.

Für das Life Science Unternehmen spielen zukunftsorientierte Innovationen eine elementare Rolle. „Fortschritt messen wir über klar definierte Nachhaltigkeitsziele und Kennzahlen, die transparent im Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht offengelegt werden und internationalen Standards folgen. Insbesondere digitale Lösungen, neue Züchtungstechnologien, regenerative Landwirtschaft und klimafreundlichere Produktionsverfahren sehen wir als zentrale Hebel, um sowohl ökologische Wirkung als auch wirtschaftlichen Erfolg zu steigern“, erklärt Daniel Schneiders. Und der Erfolg ist messbar: Der Konzern kann sich auf Bewertungen verschiedener Ratingagenturen stützen. „Wir machen kontinuierlich gute Fortschritte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verfügte Bayer über das beste Nachhaltigkeits-Ratingprofil in der Unternehmensgeschichte.“

Neben dem Transformationsprozess treibt man auch die Transitionsaktivitäten voran, beides zentrale Bestandteile der internen „Climate Transition and Transformation Plans“. „Mit Transition beschreiben wir Maßnahmen zur kurzfristigen Reduktion von Emissionen“, so Schneiders. Diese versucht man über Energieeffizienz, erneuerbare Energien oder Prozessoptimierungen zu erreichen. Mit Erfolg: „2025 hat Bayer erstmals mehr als die Hälfte des eingekauften Stroms aus erneuerbaren Energiequellen bezogen. Standorte in Brasilien, Frankreich oder Spanien beziehen bereits 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien.“ Mit Transformationsaktivitäten geht man darüber hinaus strukturelle Veränderungen des Geschäftsmodells an. Darunter fallen neue Produkte, Partnerschaften sowie eine Erhöhung der Wertschöpfung, um auch langfristig eine klimaneutrale Wirtschaft schaffen zu können.

„Insbesondere digitale Lösungen, neue Züchtungstechnologien, regenerative Landwirtschaft und klimafreundlichere Produktionsverfahren sehen wir als zentrale Hebel, um sowohl ökologische Wirkung als auch wirtschaftlichen Erfolg zu steigern.“

Dabei verliert Bayer nie die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit aus den Augen, für Daniel Schneiders die größte Herausforderung. „Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, Anreize für nachhaltige Innovationen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Auch Skalierung und Akzeptanz neuer Technologien spielen eine zentrale Rolle.“ Besonders wichtig sei es, eine ausreichende Menge an Strom aus Erneuerbaren Energien zur Verfügung zu haben. „Das energiepolitische Dreieck aus Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit darf keine Schieflage bekommen“, weiß Daniel Schneiders.

Daher ist er sich sicher, dass die Transformationsbestrebungen von Bayer trotz aller Hindernisse eine zukunftsweisende Investition sind. „Wir sind überzeugt, dass nachhaltige Lösungen die Basis für unser künftiges Wachstum bilden. Der Bedarf an nachhaltiger Landwirtschaft, Zugang zu Gesundheitsversorgung und klimaresilienten Lösungen wächst weltweit. Zielkonflikte zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit adressieren wir durch transparente Abwägungsprozesse und langfristige Perspektiven, bei denen nachhaltiger Wertschöpfung zunehmend auch wirtschaftlicher Nutzen gegenübersteht.“

Also auch das ist eine große Herausforderung: Wirtschaftlichkeit mit der Mission „Health for all, Hunger for none“ zu verbinden, deren zentrale Säulen für Bayer nachhaltige, sozial geförderte Landwirtschaft sowie der Zugang zu Medikamenten in den LMCIs sind. Kritiker:innen, die an der Glaubwürdigkeit des sozialen Engagements oder den Bemühungen zur Klimaneutralität des Global Players zweifeln, begegnet Daniel Schneiders konstruktiv. „Kritik verstehen wir als wichtigen Teil des gesellschaftlichen Dialogs. Transparenz, unabhängige Beratung – etwa durch unseren Sustainability Council – sowie regelmäßige Berichterstattung helfen uns, Fortschritte und Herausforderungen offen zu kommunizieren und unsere Strategie kontinuierlich weiterzuentwickeln.“

Bayer unterstützt Kleinbäuerinnen und -bauern in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommensniveau und engagiert sich für eine emissionsarme Landwirtschaft, Biodiversität und einen reduzierten Einsatz von Wasserressourcen.

Bilder: Bayer AG

„Sinn und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch“. Dirk Kannacher (Vorstand, GLS Bank) im Interview.

Text:
 Tom Corrinth
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