Scope 3 – die große Bedeutung indirekter Emissionen für die Klimabilanz

Artikel: Karolina Landowski

Scope 3-Emissionen sind die nicht ganz leicht fassbaren Giganten der Klimabilanz: Sie entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines Unternehmens – von der Rohstoffgewinnung über die Produktion und Logistik bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. Oft entziehen sie sich der direkten Kontrolle eines Unternehmens, da sie nicht in seinem unmittelbaren Einflussbereich liegen. Dennoch machen sie in vielen Branchen bis zu 90 Prozent der gesamten Emissionen aus. Die Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima unterstützt Unternehmen dabei, in allen Scopes Transparenz zu schaffen und so ihre Klimaziele zu erreichen.

Scope 3-Emissionen sind das komplexeste Element der betrieblichen Treibhausbilanz und gleichzeitig ihr größter Hebel. Sie umfassen 15 Kategorien, die entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen – darunter eingekaufte Rohstoffe, Güter und Dienstleistungen, Transport, Abfall, Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte sowie Investitionen und bilden damit das gesamte indirekte Emissionsspektrum eines Betriebs ab. Scope 3-Emissionen liegen so per Definition außerhalb der direkten Unternehmensgrenzen, allerdings nicht außerhalb der Verantwortung eines Unternehmens. Wer Klimaziele erreichen und regulatorische Anforderungen wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) oder Science Based Target (SBTi) erfüllen will, kommt an Scope 3 nicht vorbei. „Die Auseinandersetzung mit Scope 3 beginnt meist mit einem Aha-Moment – der Erkenntnis, dass der größte Teil der Emissionen nicht im Unternehmen selbst, sondern bei Lieferant:innen, Partner:innen und Nutzer:innen entsteht“, erklärt Lara Obst, Mitgründerin von ClimateChoice, einem Berliner ClimateTech-Startup, das digitale Lösungen zur Dekarbonisierung komplexer Lieferketten entwickelt.

Indirekte Emissionen: Ein Schlüssel für robuste Klimastrategien

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Lara Obst, Mitgründerin von ClimateChoice, liefert digitale Lösungen für komplexe Klimadaten.

Doch wie gelingt es, diese indirekten Emissionen systematisch zu erfassen, zu bewerten und zu reduzieren? Gerade weil sie außerhalb des eigenen Betriebs anfallen, sind sie schwer zu quantifizieren. Lieferketten sind global, komplex und datenintensiv – und genau darin liegen die Herausforderungen. Die Erfassung dieser Emissionen ist mit erheblichem Aufwand verbunden: mangelnde Datenverfügbarkeit, fehlende Standardisierung und ein hoher Ressourceneinsatz bremsen viele Unternehmen aus. Vor allem im Mittelstand fehlt es häufig an Kapazitäten und die Datenbasis ist fragmentiert. „Besonders im Mittelstand sind viele Prozesse noch analog und Verantwortlichkeiten unklar“, sagt Lara Obst. Um einen fundierten Einstieg zu schaffen, empfiehlt sich eine umfassende Wesentlichkeitsanalyse. Hierbei werden Scope 3-Kategorien, z.B. Transport oder eingekaufte Materialien, nach Kriterien wie Signifikanz, Einflussmöglichkeit, Risikopotential, externen Transparenzanforderungen und dem Bezug zum Kerngeschäft bewertet. So entsteht eine Prioritätenliste der wesentlichen Emissionsquellen.

Ein gutes Praxisbeispiel ist Rotpunkt Küchen, ein international tätiger Hersteller von Küchenmöbeln mit Sitz in Ostwestfalen. Gemeinsam mit der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima und auf Basis des Greenhouse Gas Protocols identifizierte das Unternehmen relevante Scope 3-Kategorien. „Wir haben systematisch analysiert, wo unsere wesentlichen Emissionen entstehen – und welche davon wir beeinflussen können“, sagt Hendrik Fischer, Nachhaltigkeitsmanager bei Rotpunkt. Daraus ergaben sich konkrete Maßnahmen: die Elektrifizierung des Fuhrparks, ein unternehmensweites Abfallmanagement, Job-Bike-Programme, der vermehrte Einsatz von Rezyklaten sowie die Verwendung von Spanplatten mit hohem Recyclingholz-Anteil.

Design trifft Dekarbonisierung: Rotpunkt setzt bei seinen Küchen auf Recyclingholz.

Die Lieferkette als Emissionstreiberin – und als Klimachance

In der Praxis startet die Emissionserfassung oft mit Emissionsfaktoren aus öffentlich zugänglichen Datenbanken. Doch für valide Aussagen sind Primärdaten nötig und deren Erhebung ist aufwendig. Datenlücken bleiben ein zentrales Thema. „Die Datenverfügbarkeit ist und bleibt eine große Herausforderung“, sagt Hendrik Fischer. „Wir stehen im ständigen Austausch mit unseren Lieferant:innen, um belastbare Werte zu erhalten.“ Denn Daten sind nur so gut, wie sie nutzbar sind. Wenn man erst einmal anfängt, sich mit den Klimadaten aus der Lieferkette zu befassen, merkt man wie viele Fragen offen bleiben. Welcher Lieferbetrieb kann Emissionen reporten, hat aber auch Klimaziele gesetzt und eventuell Maßnahmen zur Emissionsreduktion umgesetzt, und wenn ja welche? „Viele Unternehmen erfassen mit Excel – aber spätestens bei der zweiten oder dritten Erhebungsrunde zeigt sich, dass das nicht skalierbar ist“, erklärt Lara Obst.
Die Lösung sind digitale Tools. Systeme wie die Climate Intelligence Platform von ClimateChoice ermöglichen es, Daten von Lieferant:innen strukturiert zu erfassen, KI-gestützt auszuwerten und systematisch zu vergleichen. Sie bieten zudem standardisierte Klimareifegrad-Scores, um strategische Entscheidungen datenbasiert zu untermauern. Um den Prozess langfristig zu stärken, wurde 2023 die Scope 3-Action Group ins Leben gerufen – ein branchenübergreifendes Netzwerk, das Unternehmen hilft, ihre Dekarbonisierungsstrategien praxisnah zu entwickeln.

Kooperationen spielen bei Scope 3 eine zentrale Rolle. Ohne enge Zusammenarbeit mit Lieferant:innen, Technologiepartner:innen oder Partner:innen wie der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima ist nachhaltige Wirkung kaum möglich. Neben dem Siegel SDGold bietet die Stiftung ein umfassendes Unterstützungsprogramm, etwa in Form von praxisnahen Workshops wie „Treibhausgas-Bilanzierung entlang der Lieferkette“. Diese richten sich insbesondere an KMUs und behandeln konkrete Fragen: Wie beginne ich eine Wesentlichkeitsanalyse? Welche Datenquellen sind belastbar? Wie lassen sich so genannte Science-Based Targets, also wissenschaftsbasierte Ziele, integrieren? Zusätzlich stellt die Stiftung eine Toolbox mit Leitfäden, Checklisten für die Kommunikation mit Lieferant:innen und externen Datenquellen zur Verfügung – ein wertvoller Einstieg für Unternehmen jeder Größe.

Unterwegs in Richtung Klimaziel: Rotpunkts E-Transporter liefern Küchenmöbel emissionsarm aus.

Scope 3 als Schlüssel zur ganzheitlichen Klimabilanz

Scope 3 ist eine Herausforderung, aber auch eine enorme Chance. Für Unternehmen, die bereit sind, Verantwortung über die eigenen Werkstore hinaus zu übernehmen, bieten sich neue Perspektiven: Transparenz, Effizienz, Innovation und nicht zuletzt eine glaubwürdige und robuste Klimastrategie. Wer sich der Herausforderung stellt, positioniert sich nicht nur regulatorisch sicher, sondern auch zukunftsorientiert im Wettbewerb.

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Hendrik Fischer treibt bei Rotpunkt Küchen die Klimatransformation voran.

Rotpunkt Küchen zeigt eindrucksvoll, wie aus einem theoretischen Konstrukt ein strategisches Steuerungsinstrument werden kann. „Die Datenerhebung und -analyse betrifft heute alle internen Bereiche – von Einkauf, Produktion und Logistik bis hin zur IT und Entwicklung“, so Fischer. Der ganzheitliche Ansatz zahlt sich aus: Emissionen werden sichtbar und damit beeinflussbar. „Auch wenn Scope 3 komplex ist: Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Schritt für Schritt.“ Emissionen lassen sich nur dann wirksam senken, wenn man sie kennt und bereit ist, auch an den indirekten Stellschrauben zu drehen. Unternehmen sollten Zuständigkeiten klar definieren und alle relevanten Abteilungen einbeziehen. „Sinnvoll ist, sich dem Thema zu nähern, selbst wenn noch nicht alle Daten vorliegen. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess, der im Unternehmen etabliert werden muss. Zudem kann man mit Hilfe der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima kontinuierlich Wissen zu dem Thema aufbauen“, sagt Hendrik Fischer. Besonders effektiv sei es, betont Lara Obst, mit den größten Emittenten zu beginnen. 

Denn frei nach dem Pareto-Prinzip: „20 Prozent der Lieferant:innen verursachen oft 80 Prozent der Emissionen. Wer hier ansetzt, kann mit vergleichsweise wenig Aufwand eine große Wirkung erzielen.“

Im Interview erklärt Stabhochspringerin und Botschafterin Jacqueline Otchere, wie Sport mehr sein kann als Wettkampf…

Text:
 Lisa Maria Kunst
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