Die Stabhochspringerin Jacqueline Otchere ist seit Mai 2025 Botschafterin der Allianz für Entwicklung und Klima. Im Interview erklärt sie, wie Sport mehr sein kann als Wettkampf – nämlich eine Bühne für Nachhaltigkeit, gemeinsames Handeln und echte Veränderung.
Als wie nachhaltig schätzen Sie den Profisport ein?
Der Profisport hat in den letzten Jahren erste wichtige Schritte in Richtung Nachhaltigkeit gemacht, steht aber noch ganz am Anfang. Große Veranstaltungen, Reisen, Materialverbrauch, all das hinterlässt einen deutlichen ökologischen Fußabdruck. Ich erlebe im Trainingsalltag und bei Wettkämpfen, wie viel Potenzial es gäbe, Dinge anders zu gestalten, zum Beispiel bei der Mobilität, bei der Verpflegung oder bei der Wahl von Sponsoren. Gleichzeitig hat der Sport eine enorme Strahlkraft und Vorbildfunktion. Wenn wir es schaffen, Nachhaltigkeit als festen Bestandteil im Profisport zu verankern, können wir viel bewegen, sowohl innerhalb der Branche als auch in der Gesellschaft. Es braucht klare Standards, mehr Transparenz und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Aber ich sehe Bewegung: Immer mehr Vereine, Athletinnen und Athleten und Veranstalter setzen sich mit dem Thema auseinander. Als Athletin bin ich mir meiner Vorbildrolle bewusst und versuche, selbst konsequent auf einen nachhaltigeren Lebensstil zu achten, auch wenn das im Leistungssport nicht immer einfach ist.
Welche Rolle kann Sport für eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit spielen?
Sport erreicht viele Menschen. Er begeistert, verbindet und inspiriert. Besonders bei großen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen wird das große Potenzial des Sports sichtbar. Nachhaltigkeit spielt dort heute eine viel größere Rolle als früher: von wiederverwendbaren Wettkampfstätten, über emissionsarme Transportkonzepte, bis hin zu strengeren Umweltauflagen. Das ist ein starkes Zeichen. Wenn Nachhaltigkeit im Sport zum Alltag wird, wird sie für alle greifbar. Sei es durch klimafreundliche Veranstaltungen oder Bildungsangebote rund um die Sustainable Development Goals in Vereinen. Sichtbarer und erlebbarer Klimaschutz im Sport kann das Bewusstsein verändern und Menschen zum Umdenken bewegen. Genauso müssen Sportlerinnen und Sportler Haltung zeigen und nachhaltige Werte vorleben, denn wir tragen eine Vorbildfunktion, die weit über den Sport hinausgeht. Ich erlebe das auch selbst im Austausch mit jungen Menschen oder Fans. Wenn ich erkläre, warum ich mich für Klima- und Entwicklungsthemen engagiere, merke ich, wie sich neue Einsichten ergeben und das Interesse wächst. Denn Sport zeigt, dass Spitzenleistung und Verantwortung keine Gegensätze sind, sondern sich sogar gegenseitig stärken. Für mich spielt Sport eine Schlüsselrolle bei der nachhaltigen Transformation, als Plattform, Sprachrohr und Praxisfeld für konkretes Handeln.
„Wenn wir es schaffen, Nachhaltigkeit als festen Bestandteil im Profisport zu verankern, können wir viel bewegen, sowohl innerhalb der Branche als auch in der Gesellschaft."
Wie wichtig ist gemeinsames Handeln im Kampf gegen den Klimawandel?
Der Klimawandel betrifft uns alle. Deswegen kann Klimaschutz auch nur funktionieren, wenn wir ihn als gemeinsame Aufgabe begreifen. Als Einzelsportlerin weiß ich, wie wichtig individuelle Leistung ist, aber ich weiß auch, wie viel Unterstützung im Hintergrund nötig ist, damit ich überhaupt meine Ziele erreichen kann. Genauso ist es mit dem Klimaschutz. Erst das Zusammenspiel aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft schafft nachhaltige Veränderungen. Kein Land, kein Unternehmen und auch keine Einzelperson kann die Krise allein lösen. Gerade deshalb ist es so wichtig Verantwortung zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen, voneinander zu lernen, damit Lösungen gefunden werden können, die wirksam sind.
Sie studieren Umweltwissenschaften im Master. Was sollte sich Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft verändern für eine nachhaltige Transformation?
Ich merke immer wieder, wie vielschichtig Nachhaltigkeit wirklich ist. Es geht nicht nur um technische Lösungen oder neue Regeln, sondern darum, wie wir als Gesellschaft denken und handeln. Für eine echte Veränderung braucht es ein Umdenken. Wir müssen weg vom schnellen, kurzfristigen Denken und hin zu mehr Verantwortung für das, was wir langfristig bewirken. Nachhaltigkeit darf nicht länger als nette Zusatzoption gesehen werden. Sie muss zur Grundlage unserer Entscheidungen werden, im Alltag, in der Politik und in Unternehmen. Dafür müssen wir auch mal ehrlich mit uns selbst sein und fragen: Brauche ich das wirklich? Was löst mein Verhalten bei anderen aus? Wie kann ich fairer und bewusster leben? Was mir dabei hilft, ist mein Studium. Ich verstehe die Zusammenhänge besser, erkenne, wo es strukturelle Probleme gibt und sehe auch, wo Lösungen anfangen können. Dieses Wissen versuche ich in meinem Umfeld weiterzugeben, weil ich glaube, dass wir nur gemeinsam wirklich etwas bewegen können. Ebenso wünsche ich mir mehr Offenheit, mehr Mut zur Veränderung und vor allem mehr Raum für Bildung. Wenn wir Nachhaltigkeit nicht als Einschränkung und Belastung sehen, sondern als Chance für ein besseres Miteinander, dann kann daraus wirklich etwas wachsen.
Sie setzen sich im Rahmen von Sports for Future für SDG 12 ein – Nachhaltigkeit im Konsum. Warum sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN (SDGs) ein wichtiges Werkzeug für die Transformation?
Die SDGs bieten einen klaren Rahmen, der zeigt, dass Nachhaltigkeit mehr ist als Umweltschutz. Sie zeigen, wie stark Themen wie Bildung, Geschlechtergerechtigkeit, Frieden und Konsum zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen. Sie machen das große Ziel greifbar: eine lebenswerte Zukunft für alle. SDG 12 ist für mich besonders wichtig, weil es um unser Konsumverhalten geht, also um Dinge, die wir direkt beeinflussen können. Jede Entscheidung, die wir beim Einkaufen treffen oder wie wir mit Ressourcen umgehen, hat Auswirkungen. Ich finde es stark, dass die SDGs auch im Sport angekommen sind. Sie geben nicht nur politische Leitlinien vor, sondern zeigen auch uns Athletinnen und Athleten, wo wir Verantwortung übernehmen können. Sie machen sichtbar, dass Veränderung nicht bei anderen beginnt, sondern bei uns selbst.
„Es geht darum, faire Rahmenbedingungen zu schaffen und sicherzustellen, dass Klimaschutz nicht auf Kosten anderer geht.“
Welche Gründe bewegen Sie, sich als Botschafterin für Entwicklung und Klima einzusetzen?
Als Leistungssportlerin bin ich viel unterwegs und bekomme hautnah mit, wie unterschiedlich stark Regionen vom Klimawandel betroffen sind. Besonders betroffen sind oft diejenigen, die am wenigsten zur Krise beigetragen haben. Das zeigt mir immer wieder, dass Klimaschutz nicht an Landesgrenzen enden darf. Nachhaltige Lösungen brauchen einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Klimaschutz funktioniert nur, wenn wir auch die Lebensrealitäten und Herausforderungen im globalen Süden mit einbeziehen. Genau hier setzt die Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima an: Sie bringt ökologische Verantwortung und globale Gerechtigkeit zusammen und zeigt, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert. Als Botschafterin ist es mir ein Anliegen, diese Verbindung sichtbarer zu machen und andere zu motivieren, selbst aktiv zu werden – ob durch bewussten Konsum, gesellschaftliches Engagement oder politische Entscheidungen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – für den Sport, für das Klima und für die globale Gerechtigkeit?
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Sport noch stärker als Plattform genutzt wird, um Menschen für Nachhaltigkeit zu begeistern, sich seiner Rolle bewusst wird und mutiger vorangeht, etwa durch klare Nachhaltigkeitsstandards, fairen Konsum oder inklusive Strukturen. Verantwortung ist nicht nur eine Last, sondern eine Möglichkeit für Veränderungen. Für das Klima wünsche ich mir, dass wir nicht länger abwarten, sondern handeln, konsequent, solidarisch und mit Blick auf die kommenden Generationen. Ich hoffe, dass wir es schaffen, den Klimawandel wirksam zu bekämpfen und gleichzeitig die Bedürfnisse aller Menschen weltweit zu berücksichtigen. Und für die globale Gerechtigkeit wünsche ich mir, dass wir anfangen, unsere Privilegien zu hinterfragen und uns wirklich dafür einsetzen, dass alle Menschen ein gutes Leben führen können, unabhängig davon, wo sie geboren wurden.
Jacqueline Otchere
Jacqueline Otchere, geboren 1996 in Heidelberg, ist eine deutsche Stabhochspringerin und Biowissenschaftlerin. Sie zählt zu den erfolgreichsten deutschen Athletinnen ihrer Disziplin und hat sich auch akademisch profiliert.
Otchere begann ihre sportliche Karriere im Alter von acht Jahren beim ASV Eppelheim, wo sie gemeinsam mit ihren Brüdern Julian und Colin trainierte.
Ihren Durchbruch feierte sie 2018:
- Deutsche U23-Meisterin und Deutsche Meisterin mit 4,45 m
- Persönliche Bestleistung von 4,60 m beim Athletics World Cup in London
Weitere Erfolge:
- Deutsche Meisterin 2021, Deutsche Hallenmeisterin 2022
- Platz bei den Weltmeisterschaften 2022 in Eugene (Oregon)
- Teilnahme an den Europameisterschaften 2018, 2022 und 2024
Credits: Andrea Oster