Trikots, Tore, Transformation – Wie nachhaltig kann Fußball sein?

Artikel: Lisa Maria Kunst

Fußball bedeutet mehr als Millionenbudgets, Flugreisen und Hochglanzstadien – er steht für Volksport, Zusammenhalt und jede Menge Leidenschaft. Während der Sport ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, bietet er gleichzeitig eine große Fläche für Identifikation. Und nimmt damit eine Multiplikatorenrolle für nachhaltiges Engagement ein, die viel bewegen kann: in der Region, bei Fans, Vereinen, Initiativen. Und eben auch auf der großen Bühne.

Stadien mit Zukunft

Betrachtet ein Unternehmen seinen eigenen CO₂-Fußabdruck, so beginnt es oft mit dem eigenen Firmen-Standort. Moderne Fußballtempel sind genau das und außerdem viel mehr als reine Spielstätten. Sie sind Eventzentren und Erlebnisorte – und damit auch Energieverbraucher. Doch mittlerweile setzen viele Vereine auf energieeffiziente Bauweisen: LED-Flutlicht, Wärmerückgewinnung und Regenwassernutzung für die Rasenpflege.

In Dortmund beispielsweise wurde das gesamte Stadiondach mit einer Solaranlage ausgestattet, die deutlich mehr Strom produziert, als für die eigenen Heimspiele benötigt wird. Nachhaltigkeit als Standortvorteil? Durchaus. Das bezieht für viele Vereine auch die Anreise der Fans mit ein: Eintrittskarten, die zugleich zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs berechtigen. Andere fördern explizit die Anfahrt mit dem Fahrrad oder stellen Shuttlebusse bereit.

Mehrwegbecher statt Plastikflut

Im Stadion herrscht oft Ausnahmezustand. Das betrifft nicht nur die Stimmung, sondern auch den Konsum. Bratwurst, Bier, Popcorn – alles auf Einweggeschirr. Oder doch nicht? Immer mehr Arenen führen Mehrwegsysteme mit Pfand ein, setzen auf regionale Bio-Produkte und reduzieren Lebensmittelverschwendung, etwa durch die Weitergabe unverkaufter Ware an soziale Einrichtungen.

Auch die Ernährung selbst wird zur Frage der Haltung: Vegane Currywurst und fleischfreie Tage sind längst keine Utopie mehr. Sie sind, bei aller Skepsis mancher Fans, Teil eines wachsenden Bewusstseins für die ökologischen Folgen des Spieltags. Und tun als zusätzliche Option niemandem weh.

Was nach einer kleinen Stellschraube klingt, wird beim Fußball schnell zum Massenphänomen. Wenn, wie es in Dortmund der Fall ist, über 80.000 Personen ins Stadion passen, können der Mehrweg-Becher und die nichtgegessene oder fleischfreie Wurst pro Fan einen wirkungsvollen Beitrag zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz darstellen.

Das Trikot als Statement

Das Geschäft mit den Trikots ist ein riesiger Markt. Die globalen Einnahmen aus dem Verkauf von Fußballtrikots beliefen sich im Jahr 2024 auf 6,49 Milliarden US-Dollar und sollen bis 2033 auf 10,57 Milliarden US-Dollar anwachsen1. Die Fußballbekleidungsindustrie trägt somit auch zu den globalen CO₂-Emissionen bei.

Das Gute: Was auf dem Platz getragen wird, hat Symbolkraft. Trikots sind Identifikationsobjekte – und zunehmend auch grüne Statements. Die TSG Hoffenheim hat beispielsweise die Textilmarke „umoja“ ins Leben gerufen, deren Produkte unter fairen Bedingungen in Uganda hergestellt werden.

Stefan Wagner, Leiter der Stabsstelle Unternehmensentwicklung bei der TSG und Mitbegründer von Sports for Future, betont die Rolle des Sports als Multiplikator:

„Der Sport hat den Luxus, zunächst einmal fast allen zu gehören und daher umgibt ihn ein Maß an Unvoreingenommenheit. Das ist ein hohes Gut und mit einer hohen Verantwortung verbunden.“

Diese Verantwortung für einen gesellschaftlichen Nutzen ist heute höher denn je. Zum einen aufgrund der multiplen Krisen, allen voran der Klimakrise, die Menschen auf der ganzen Welt betrifft. Aber auch das Business rund um Fußball, liefert Gründe: Gigantische Summen für Spieler und Manager, Korruptionsvorwürfe, Identifikationsverlust durch Kommerzialisierung. Der Eindruck, dass Fußball kapitalistischer gar nicht mehr werden könne, führt auch bei Fans zu Unmut. Einige von ihnen fordern ein Umdenken. Der Druck wächst und auch die Verbände müssen handeln.

Der TSG Hoffenheim produziert unter der Marke „umoja" in Uganda nachhaltige Textilien.

Lizenz zum Umdenken

Die Bundesliga und 2. Bundesliga haben seit der Saison 2023/24 eine verpflichtende Nachhaltigkeitsrichtlinie in ihrer Lizenzierungsordnung verankert. Ein Schritt, der dem Bekenntnis der DFL-Mitgliederversammlung im Dezember 2021 folgte. Nachhaltigkeit sollte in ihren drei Dimensionen – ökologisch, ökonomisch und sozial – in die Präambel der Satzung des DFL aufgenommen werden und Teil der dazugehörigen Lizensierungskriterien werden.

Ziel ist eine kontinuierliche Entwicklung im Bereich Nachhaltigkeit: vom Auf- und Ausbau von Grundstrukturen wie personeller Verantwortung bis hin zur Ausweitung wirkungsvoller, messbarer Maßnahmen. Regeln schaffen die Grundlage, auf der Spieler:innen und Vereine Haltung zeigen können.

Stefan Wagner, Unternehmensentwicklung TSG Hoffenheim und Gründer von Sports for Future.

Reichweite verpflichtet

Fußballvereine und Profisportler:innen stehen nicht nur für sportlichen Erfolg – sie stehen heute auch in gesellschaftlicher Verantwortung. Als reichweitenstarke Multiplikatoren haben sie das Potenzial, weit über das Spielfeld hinaus zu wirken.

Torsten Knippertz, Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach. Er sieht in der Reichweite, die Fußball mit sich bringt, eine Chance, weit über den Spielfeldrand hinaus zu wirken.

„Fußballvereine und ihre Akteure tragen mittlerweile eine gesellschaftliche Verantwortung, die über den Sport hinausgeht“, sagt auch Torsten Knippertz, Stadionsprecher von Borussia Mönchengladbach.

Für Neven Subotić, ehemals Spieler bei Borussia Dortmund, geht diese Verantwortung noch weiter – nämlich bis hin zu jeder und jedem Einzelnen. Denn die Klimakrise betrifft uns alle, und ebenso liegt es an uns allen, Verantwortung für den Klimaschutz zu übernehmen.

„Wenn es einfach wäre, wäre es schon längst gelöst“, sagt Subotić im Podcast Gradº Global der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima. Der frühere Profi hat dem Fußball als Spieler den Rücken gekehrt und steckt nun seine ganze Energie in das Engagement für eine bessere Welt. Mit seiner Stiftung well:fair setzt er sich unermüdlich für den Zugang zu sauberem Wasser in Ostafrika ein – aus voller Überzeugung und als bewusste Entscheidung.

„Fußballvereine und ihre Akteure tragen mittlerweile eine gesellschaftliche Verantwortung, die über den Sport hinausgeht.“

Verantwortung auf dem Papier – und in den Köpfen

Nachhaltigkeit braucht Menschen, denen das Thema ernst ist, genauso wie klare Regularien. Damit sie Teil der Vereins-DNA wird, beschäftigen immer mehr Clubs eigene Nachhaltigkeitsbeauftragte, veröffentlichen ESG-Berichte, setzen sich messbare Ziele. Aber auch jenseits der Managementebene geschieht Wandel: Faninitiativen starten Umweltaktionen, organisieren Cleanup-Days oder veranstalten Kleidertauschbörsen. So wird die Community zur Co-Produzentin einer nachhaltigeren Fußballkultur.

Gleichzeitig ringen Verbände wie die UEFA oder FIFA mit ihrer eigenen Rolle. Weltmeisterschaften in der Wüste, Flugkilometer en masse – all das steht im Widerspruch zum neuen Zeitgeist. Und doch: Die Ankündigung, zukünftige Turniere klimaneutral gestalten zu wollen, könnte – wenn ernst gemeint – ein wichtiger Schritt sein. Es ist ein weiter Weg von der PR zur Praxis.

Neven Subotić engagiert sich heute abseits des Fußballplatzes für den Zugang zu sauberem Wasser.

„Wenn es einfach wäre, wäre es schon längst gelöst.“

Das Spiel als Spiegel

Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Er reproduziert ihre Widersprüche – aber auch ihre Hoffnungen. Nachhaltigkeit im Fußball ist keine fertige Geschichte, sondern ein Prozess. Ein Lernfeld für Vereine, Fans, Unternehmen, Städte. Die Frage ist nicht, ob der Fußball grün wird, sondern wie ernst es ihm ist.

Denn wenn ein Stadionbesuch nicht nur Emotionen weckt, sondern auch Verantwortung mit sich bringt, dann könnte das Spiel tatsächlich etwas verändern. Vielleicht dauert es länger als 90 Minuten. Aber auch Verlängerungen können spannend sein.

Titelbild: Großteile des Dachs von Borussia Dortmund sind heute mit Solarpanelen bedeckt.​

Credits: Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, Seifert, TSG Hoffenheim

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Text:
 Lisa Maria Kunst
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