Dreifache Rendite

Artikel: Tom Corrinth

„Sinn und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch“, sagt Dirk Kannacher, Vorstand der sozial-ökologischen GLS Bank. Im Interview erklärt er das besondere Geschäftsmodell mit dreifacher Rendite, spricht über seine Haltung zu Geld, über Entwicklungsprojekte in Ländern des Globalen Südens und darüber, wie steigende Energiepreise zu einem stärkeren Interesse an nachhaltigen Lösungen führen.

Dirk Kannacher, Vorstand der sozial-ökologischen GLS Bank

Lieber Herr Kannacher, steigende Energiepreise infolge geopolitischer Krisen führen vielen Menschen ihre Abhängigkeit von fossilen Energien vor Augen. Spüren Sie, dass sich dadurch auch das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen verändert?
In solchen Situationen denken die Menschen zuerst sehr konkret: Wie bezahle ich zum Beispiel die nächste Tankfüllung? Die Verbindung zur Frage, wie ihr Geld wirkt, entsteht nicht sofort. Anders war das in der Finanzkrise 2008: Damals war das System selbst betroffen und viele haben sich direkt gefragt, wo sie ihr Geld anlegen wollen. In den beiden Jahren darauf hatte die GLS Bank auch das bisher stärkste Wachstum. Heute beobachten wir eher eine mittelbare Entwicklung: Das Bewusstsein für Abhängigkeiten, insbesondere von fossilen Energien, wächst wieder deutlich. Ich bin überzeugt davon, dass daraus mittelfristig auch wieder ein stärkeres Interesse an nachhaltigen Finanzprodukten entsteht. Also an unabhängigeren Produkten, die regional wirken und auch auf einer dezentralen Energieversorgung beruhen.

Die GLS Bank wurde 1974 als erste sozial-ökologische Bank Deutschlands gegründet. Worin unterscheidet sich Ihr Geschäftsmodell vom Modell klassischer Banken?
Unser Ursprung liegt in einer einfachen Idee: Menschen schließen sich genossenschaftlich zusammen, um Projekte zu finanzieren, die gesellschaftlich sinnvoll sind. Unser Eigenkapital kommt von unseren Mitgliedern. Sie können angeben, welche Projekte sie sich wünschen: etwa in der Bildung, im sozialen Wohnungsbau, in der ökologischen Landwirtschaft oder im Bereich der erneuerbaren Energien. Bei der Kreditvergabe konzentrieren wir uns auf menschliche Grundbedürfnisse: Wohnen, Ernährung, Bildung und Energie. Wir schaffen vollständige Transparenz: Jeder Kredit wird in unserem Bankspiegel veröffentlicht. „Sinn vor Gewinn“ heißt für uns, dass wirtschaftlicher Erfolg aus gesellschaftlich notwendigem Handeln entsteht. Wenn etwas wirklich gebraucht wird, sind Menschen auch bereit, dafür einen fairen Preis zu zahlen, woraus auch ein Gewinn entsteht. Es ist einfach eine andere Art zu wirtschaften als immer nur kurzfristig auf den Return on Investment zu schauen.

„‚Sinn vor Gewinn‘ heißt für uns, dass wirtschaftlicher Erfolg aus gesellschaftlich notwendigem Handeln entsteht.“

Wie machen Sie denn die sozial-ökologische Wirkung Ihrer Finanzierungen konkret messbar?
Wir erfassen systematisch den Impact unserer Kredite. Im Bildungsbereich etwa zählen wir geschaffene oder gesicherte Kita- und Schulplätze. Im Energiesektor messen wir, wie viel regenerative Energie erzeugt wird und übersetzen das in greifbare Größen, etwa wie viele Haushalte damit versorgt werden können. In der Landwirtschaft geht es darum, Flächen für ökologische Nutzung zu erhalten. Wichtig ist uns, diese Wirkung nicht nur intern zu erfassen, sondern sie genauso sichtbar zu machen wie unsere ökonomischen Kennzahlen. So können unsere Mitglieder:innen nachvollziehen, welchen Beitrag ihr Geld konkret zur gesellschaftlichen Transformation leistet.

Vor Ihrer Karriere bei der GLS Bank haben Sie 20 Jahre bei einer klassischen Großbank gearbeitet. Was hat Sie zum Wechsel bewegt?
Das war kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess. Erste Fragen kamen mit der Geburt unseres ersten Sohnes auf: Wie wollen wir als Familie zukünftig leben, was ist uns wirklich wichtig? Die Finanzkrise hat das verstärkt, weil sie auch eine Identitätsfrage für mich als Banker war. Der entscheidende Moment war dann ein Gespräch auf einem Bio-Bauernhof mitten in dieser Krise. Der Landwirt dort sagte mir: „Diesen Hof gibt es nur wegen der GLS Bank.“ In einer Zeit, in der Banken stark kritisiert wurden, war das eine überraschend positive, völlig andere Perspektive. Das hat mich neugierig gemacht. Als ich dann wenig später bei der GLS Bank um ein Gespräch bat, um das Geschäftsmodell kennenzulernen, wurde mir schnell klar: Wenn sich die Chance ergibt, möchte ich hier arbeiten. Zwei Monate später habe ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.

Gatwiri Mwangi ist Farmerin für organischen Landbau

Wie hat sich Ihre Arbeit seitdem verändert? Und wie Ihre Haltung zu Geld?
Die größte Veränderung ist die werteorientierte Kultur. Wir arbeiten hier bewusst auf Augenhöhe, mit flachen Hierarchien und einem starken Fokus auf Wertschätzung und sozialem Miteinander. Vertrauen ist zentral – etwa in der Form, dass wir Gehälter im Voraus am 1. des Monats zahlen. Heute sehe ich Geld viel mehr als Mittel zum Zweck: Es soll ermöglichen, was gesellschaftlich sinnvoll ist. Gleichzeitig habe ich gelernt: Sinn und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch. Wenn etwas gebraucht wird, entsteht Nachfrage und daraus letztendlich auch ein stabiler wirtschaftlicher Erfolg.

Wie leben Sie diese Werte privat?
Ich fahre zum Beispiel gut 80 Prozent im Jahr mit dem Fahrrad zur Arbeit, 20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück, bei Wind und Wetter. Mit der Familie reise ich überwiegend mit der Bahn und wir konsumieren gezielt Bio-Produkte. Außerdem engagiere ich mich seit 2016 in Kenia beim Bau einer Schule. Zur Finanzierung sammle ich Geld ein, und der Bau wird über unsere Zukunftsstiftung organisiert. Zusammenfassend würde ich sagen: Ich mache mir sehr viele Gedanken über das, was ich tue und welchen Fußabdruck ich auf dieser Erde hinterlasse. Und ich sehe meine Aufgabe darin, die Welt wieder ein Stückchen besser zu machen, als sie heute ist. Und das geht nur in Gemeinschaft.

„Sinn und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch. Wenn etwas gebraucht wird, entsteht Nachfrage und daraus letztendlich auch ein stabiler wirtschaftlicher Erfolg.“

Länder des Globalen Südens sind besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen und spielen gleichzeitig eine Schlüsselrolle bei der Lösung der Klimakrise. Wie unterstützt die GLS Bank Projekte vor Ort und wie kann man sich dort einbringen?
Wir versuchen mithilfe lokaler Partner:innen, etwa über Mikrofinanzfonds oder unsere Zukunftsstiftung Entwicklung, die Grundversorgung der Menschen vor Ort zu verbessern. Ein Beispiel sind Projekte mit Kleinbäuerinnen und -bauern, die in puncto ökologische Landwirtschaft ausgebildet und dadurch unabhängiger und wirtschaftlicher werden. Unterstützen kann man solche Projekte durch Spenden. Noch wichtiger bzw. effektiver ist aber, im Alltag bewusster zu konsumieren und fair gehandelte Produkte zu unterstützen. Dann müssten wir auch weniger Geld für Entwicklungszusammenarbeit und weniger Geld für die Verhinderung von Migrationsursachen ausgeben.

Was können wir im Globalen Norden von Erfahrungen aus Ländern des Globalen Südens lernen?
Vor allem die Bedeutung von Gemeinschaft. In vielen Regionen tragen starke soziale Netzwerke Menschen durch Krisen. Auch der Umgang mit Konsum ist ein anderer: Glück entsteht nicht durch immer mehr Besitz. Diese Perspektive verändert den eigenen Blick enorm. Es geht stärker um Dankbarkeit und um die Frage, was brauche ich wirklich?

Die Zeit für ein klimagerechteres Wirtschaften drängt. Wie kann man die sozial-ökologische Transformation – trotz weltweiten Gegenwindes aktuell – weiter beschleunigen?
Ich glaube weniger an schnelle Veränderungen durch Einsicht oder Regulierung allein. Entscheidend ist, dass nachhaltiges Handeln wirtschaftlich sinnvoll wird – und genau das erleben wir gerade. Steigende Energiepreise machen die tatsächlichen Kosten fossiler Abhängigkeiten sichtbarer. Wenn Menschen erkennen, dass sich nachhaltige Lösungen auch rechnen, entsteht echte Dynamik. Politik sollte verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, aber der stärkste Treiber ist am Ende die wirtschaftliche Vernunft.

„Glück entsteht nicht durch immer mehr Besitz. Diese Perspektive verändert den eigenen Blick enorm. Es geht stärker um Dankbarkeit und um die Frage, was brauche ich wirklich?“

Für alle Menschen, die schon länger überlegen, aber zögern, weil sie zum Beispiel eine angeblich geringere Rendite befürchten: Warum lohnt es sich, Geld für soziale und ökologische Zwecke einzusetzen?
Weil es eine dreifache Rendite bietet: eine soziale, eine ökologische und eine ökonomische. Nachhaltige Geldanlagen stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt, verbessern die Umweltbedingungen und erzielen gleichzeitig solide finanzielle Erträge. Vielleicht nicht immer die höchste Rendite, aber eine stabile und verantwortungsvolle. Wer Geld nachhaltig einsetzt, investiert damit auch in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft – und profitiert letztendlich selbst.

Wie das Geld wirkt

Das aktuelle Kreditportfolio der GLS Bank von insgesamt zirka 6,2 Milliarden Euro verteilt sich auf folgende Bereiche: Erneuerbare Energien (31 Prozent), Wohnen (29 Prozent), Soziales & Gesundheit (12 Prozent), Bildung & Kultur (9 Prozent), Nachhaltige Wirtschaft (11 Prozent) und Ernährung (8 Prozent).

Im Jahr 2025 hat die GLS Bank bspw. folgende neue Kreditsummen nachhaltig investiert:

  • Im Bereich Erneuerbare Energien 598 Millionen Euro in insgesamt 79 Projekten. Diese umfassen 53 Photovoltaik- und 26 Windkraft-Anlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 424 Megawatt. Damit könnten 2 Prozent der 1-Personen-Haushalte in Deutschland versorgt werden.
  • Im Bereich Wohnen 345 Millionen Euro, darunter 51 bezahlbare Wohnprojekte mit einer Fläche von 123.500 Quadratmetern (Neubau und Sanierung), davon nutzen 28 Prozent in Holzbauweise.

 

Im Jahr 2026 sind neue Kredite über 500 Millionen Euro im Bereich Erneuerbare Energien und über 390 Millionen Euro im Bereich Wohnen geplant.

Quelle: GLS Bank: Bilanzpressekonferenz Wirkung und Zahlen 2025

Bilder: GLS Bank/ Martin Steffen, Zukunftsstiftung Entwicklung (ZSE)

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