Landwirtschaft mit Zukunft

Artikel: Katja Vaders

Was entstehen kann, wenn man Entwicklungswirkung und Klimaschutz zusammendenkt, zeigt das Projekt Santa Terra, eine Farm in der brasilianischen Region São Paulo. Die Gründer:innen Angelica Facirolli und Anderson Arcanjoletto betreiben hier nachhaltige Landwirtschaft nach dem Agroforstsystem, stärken auch lokale Gemeinschaften und unterstützen Bildungsprojekte und Frauen.

Agrarkultur betrifft uns alle, trägt sie doch zu einem großen Teil dazu bei, unsere Nahrung zu produzieren. Zugleich rückt die konventionelle Landwirtschaft stärker in den Fokus: Ihr Anteil am Klimawandel sowie der Einsatz von Pestiziden, die sich auf die Artenvielfalt auswirken, werden zunehmend diskutiert. Wie kann zukunftsfähige Landwirtschaft aussehen?

Ein alles andere als neuer, sondern Jahrtausende alter Ansatz für eine nachhaltige Landwirtschaft ist Agroforstwirtschaft. Unter den Begriff fallen Landnutzungssysteme, bei denen Gehölze mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung auf einer Fläche kombiniert werden. Ein Agroforstsystem steht für mehr Biodiversität, mildert die Folgen des Klimawandels ab und fördert Resilienz gegenüber Trockenheit, das Bodenleben und den Humusaufbau.

Ein erfolgreiches Beispiel für diese Form der Landwirtschaft ist die Farm Santa Terra im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, die von Angelica und Anderson gegründet wurde. In ihrem früheren Leben waren sie eine Journalistin und ein Chemiker – Karrieren, die sie aufgegeben haben, um auf dem Land zu leben und ein agroforstwirtschaftliches System aufzubauen und zu betreiben.

Ein Agroforstsystem kombiniert Ackerkulturen mit Gehölzen, steht für mehr Biodiversität und mildert so die Folgen des Klimawandels ab.

„Wir wollten etwas Eigenes aufbauen und besuchten 2013 einen Agroforstkurs, der uns so begeisterte, dass wir zunächst ein kleines städtisches Grundstück bewirtschafteten. Zwei Jahre später konnten wir schließlich die Farm Santa Terra erwerben. Unsere Motivation war und ist eine Landwirtschaft, die uns gute Ernährung, Lebensqualität und ein stabiles Einkommen ermöglicht – und das alles im Einklang mit einer umfassend verstandenen Nachhaltigkeit“, erzählen Angelica und Anderson. Dazu gehört für die beiden ein Fokus auf Klimaschutz, Artenvielfalt und soziale Entwicklung, ein Konzept, das sich grundlegend von dem der konventionellen Betriebe unterscheidet, von denen es viele in der Region gibt. Angelica und Anderson berufen sich bei ihrem agroforstwirtschaftlichen Konzept auf die traditionelle Anbauweise indigener Gemeinschaften auf dem südamerikanischen Kontinent. „Heute verbinden wir dieses Wissen mit modernen Möglichkeiten: globalem Austausch, neuen Maschinen und Erkenntnissen. Wir orientieren uns an den natürlichen Prozessen tropischer Wälder. Ziel ist ein Boden voller Leben – Pilze, Bakterien, Mikroorganismen –, eine vielfältige Flora und Fauna und ein stabiles Mikroklima, das durch gezielte Baumkombinationen und Schnittmaßnahmen entsteht“, erklären die beiden. So bliebe man unabhängig von externen Betriebsmitteln. „Unser System schützt die Pflanzen vor Hitze, Frost und Wind, macht uns weniger anfällig für Preisschwankungen auf dem Weltmarkt und sichert gleichzeitig den Lebensunterhalt unserer Familie.“

„Unsere Motivation war und ist eine Landwirtschaft, die uns gute Ernährung, Lebensqualität und ein stabiles Einkommen ermöglicht – und das alles im Einklang mit einer umfassend verstandenen Nachhaltigkeit.“

Santa Terra ist für sie ein lebendiger, lernender Organismus. „Ein Wald steht nie still. Er verändert sich ständig, oft schneller als wir es wahrnehmen können“, so Angelica. Innerhalb dieser natürlichen Zyklen können sie und ihr Mann Anderson immer wieder neues Wissen aus den verschiedensten Bereichen gewinnen. Der Wald ist für sie ein „Spiegel des Lebens“, der im stetigen Wandel ist. „Je mehr wir beobachten und lernen, desto bewusster wird uns, wie viel wir nicht wissen – und wie viel wir von den ursprünglichen Völkern dieses Landes lernen können, die die vielfältigsten Biome der Erde geschaffen und die Dynamik des Waldes verstanden haben“, erzählen sie begeistert. Man sieht den beiden die Leidenschaft an, wenn sie über ihre Arbeit sprechen; die Farm Santa Terra ist ihr absolutes Herzensprojekt.

Angelica Facirolli leitet Santa Terra und organisiert gezielt Veranstaltungen für Frauen. Sie arbeitet eng mit lokalen Initiativen und Unternehmer:innen zusammen.

Das Konzept der Agroforstwirtschaft sehen sie als zukunftweisend – Angelica und Anderson möchten mit ihrer Arbeit bessere Bedingungen für kommende Generationen schaffen. Dass ein System, das auf Dünger und Pestizide angewiesen ist, langfristig nicht funktionieren kann, ist für sie nur logisch, es fehle das natürliche Gleichgewicht. „Leben ist nie monokulturell. Wenn wir es dazu machen, wird es krank. Konventionelle Landwirtschaft nimmt den Menschen ihre Unabhängigkeit. Unser System gibt sie zurück.“

Daher wachsen auf Santa Terra über 70 Pflanzenarten – von Obst und Kaffee bis hin zu einheimischen Bäumen. Diese Vielfalt schaffe Stabilität und brauche keine Pestizide, da ein lebendiges Ökosystem sich selbst regulieren könne. „Die große Menge an Biomasse nährt den Boden und sorgt für ausgewogene Pflanzenernährung. Bäume speichern Feuchtigkeit, senken die Temperaturen und reduzieren den Bewässerungsbedarf erheblich – manchmal bis auf null. Sie schützen vor Hitze, Wind und den Unwägbarkeiten des Weltmarkts, weil wir keine Betriebsmittel zukaufen müssen“, ist sich das Paar sicher.

Das System sei auch deshalb resilient, weil es sich wirtschaftlich trage. Nicht zuletzt deshalb profitieren auch die Menschen in der Region von Angelicas und Andersons Projekt. Neben den ökologischen Vorteilen lassen Agroforstsysteme mehr Wasser im Boden versickern als jede Monokultur und tragen so zur Grundwasserneubildung bei. Zudem schafft Santa Terra lokale Arbeitsplätze, verkauft seine Produkte in der Region und bietet Kurse und soziale Projekte für alle Altersgruppen an. Angelica, die die Farm leitet, organisiert zudem gezielt Veranstaltungen für Frauen und arbeitet eng mit lokalen Initiativen und Unternehmerinnen zusammen. Bildungsangebote sind den Gründer:innen von Santa Terra also extrem wichtig, daher haben sie die Initiative „Escola Viva“ ins Leben gerufen. „,Escola Viva‘ versteht Bildung als Teil des Lebens – eingebettet in Natur und Gemeinschaft, nicht getrennt davon. Es geht um Lernen durch Beobachtung, Erfahrung und Weitergabe von Wissen in mündlicher Tradition. Von Anfang an wollten wir, dass die Gesellschaft den Ort mitgestaltet. Nicht ein Zertifikat soll unsere Arbeit bestätigen, sondern die Menschen selbst“, so Angelica und Anderson. Geplant ist zusätzlich ein „Institute for sustainable nutrition“. Dieses solle vor allem Menschen mit weniger Privilegien erreichen.

Auf Santa Terra wachsen über 70 Pflanzenarten. Diese Vielfalt schafft Stabilität und braucht keine Pestizide, da ein lebendiges Ökosystem sich selbst regulieren kann.

„Je mehr wir beobachten und lernen, desto bewusster wird uns, wie viel wir nicht wissen – und wie viel wir von den ursprünglichen Völkern dieses Landes lernen können, die die vielfältigsten Biome der Erde geschaffen und die Dynamik des Waldes verstanden haben.“

Um ihre Farm, aber auch die Bildungsprojekte und -initiativen finanzieren zu können, kommen Angelica und Anderson die Klimafinanzierung sowie die Grundfinanzierung über Zertifikate zugute.

„Sie sind wichtig, weil sie Kapital zu denjenigen bringen, die tatsächlich regenerativ wirtschaften – zu bäuerlichen Familien wie uns“, erklären sie. Die Menschen tragen mit ihrer Arbeit zu Klima- und Artenschutz bei, bewahren Saatgut, Wissen und sichern Ernährungssouveränität. Es gäbe zwar auch staatliche Förderprogramme, diese richteten sich aber oft nur an größere Betriebe. „Eine Politik, die Kleinbauern und -bäuerinnen gezielt unterstützt, ist noch im Aufbau und politisch gefährdet, wenn rechte Regierungen an Einfluss gewinnen“, so die Santa-Terra-Gründer:innen. Dennoch sehen die beiden positiv in
die Zukunft. Eine Rückkehr zu ihrem alten Leben können sich Angelica und Anderson jedenfalls nicht vorstellen. „Wir wünschen uns, weiterhin auf unserem Land zu leben –
mit einem Boden voller Leben und der Fähigkeit, gesunde, vielfältige Lebensmittel zu erzeugen. Und wir möchten anderen Menschen ermöglichen, diese Form der Landwirtschaft zu praktizieren. Wir hoffen, im Ruhestand Lebensmittel aus Agroforstsystemen essen zu können, die so bunt, vielfältig und lebendig sind wie das Leben selbst.“

Bilder: Ubá Sustainability Institute

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Text:
 Tom Corrinth
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