Zum 1. Oktober übergibt Peter Renner, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima, sein Amt und verabschiedet sich nach mehr als sechs prägenden Jahren in den Ruhestand – oder, wie er selbst sagt, eher in einen „Unruhestand“. Gemeinsam mit Dr. Olivia Henke hat er die Stiftung von der ersten Stunde an aufgebaut: aus einem unterschriebenen Vertrag, zwei Laptops und einem temporären Schreibtisch bei der KfW ist eine Organisation geworden, die heute fest etabliert ist und maßgeblich an der Schnittstelle von Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz arbeitet. Zum Abschied haben wir mit Peter Renner über die Anfänge, prägende Momente, die Zukunft der Stiftung und seine eigenen nächsten Schritte gesprochen.
Was hat dich damals bewogen, die Stiftung mit aufzubauen und was war deine persönliche Vision dafür?
Den Anfang machte ein Angebot des BMZ. Ich war mit dem Metier vertraut, kannte die grundsätzliche Politik des BMZ und hatte schon immer viel für die Verbindung von Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz übrig. Der Reiz lag genau in dieser unmittelbaren Schnittstelle: damals an vorderster Front, denn die Stiftung war in ihrer Form etwas Einzigartiges. Der gesellschaftspolitische Rahmen war ein völlig anderer als heute, und in den vergangenen sechs Jahren hat sich vieles verändert. Es war eine spannende Aufgabe, und ich habe das Angebot gerne angenommen.
Meine Vision war von Anfang an klar umrissen: die Nachhaltigkeitspolitik und -diskussion aktiv mitzugestalten, sie pragmatischer zu machen und dabei stets das große Ganze im Blick zu behalten. Nicht nur aus einer rein nationalen Perspektive, sondern mit Blick auf wachsende Volkswirtschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es ging mir darum, ein Leitbild zu entwickeln, wie sich eine Industrienation nachhaltig mitentwickeln lässt, mit naturbasierten Ausgleichsprojekten als einen wesentlichen Baustein dieses Modells.
Wie sah dein erster Arbeitstag bei der Stiftung aus und was hat sich seitdem am meisten verändert?
Mein erster Arbeitstag war der 1. Oktober 2020, ursprünglich war der 1. Juli geplant, doch der Start verzögerte sich zunächst auf den 1. September und schließlich auf den Oktober. An jenem Tag kannten Olivia und ich uns erst seit einem einzigen Tag. Einen Vertrag hatten wir unterschrieben, aber sonst im Grunde nichts: kein Büro, keine Infrastruktur, kein Team.
Die ersten Schritte bestanden darin, uns das notwendige Handwerkszeug zu verschaffen – Handys und Laptops zu organisieren, unsere Ideen für mögliche Strukturen auszutauschen und Verbindungen zum BMZ und zur KfW aufzubauen, die gemeinsam mit der GIZ zwei Jahre zuvor die Allianz ins Leben gerufen hatten. Unsere Aufgabe im vierten Quartal jenes Jahres lautete, daraus eine Stiftung zu machen.
Unser erstes Büro war bei der KfW, somit hatten wir zunächst immerhin einen eigenen Schreibtisch. Schon Ende Oktober sollten wir unser erstes Unterstützerkreistreffen durchführen – pandemiebedingt rein digital. Wir haben die Stiftung aufgebaut, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über digitale Interviews ausgesucht, und es hat ziemlich genau ein Jahr gedauert, bis wir uns im darauffolgenden Oktober erstmals bei einem gemeinsamen Treffen in Berlin getroffen haben. Das Treffen war eine Art Teamklausur. Die rein digitale Zusammenarbeit in dieser Gründungsphase war alles andere als einfach.
Das erste Quartal war geprägt von Finanzplanung, der Verwaltung der Stiftungsgelder, Strategiearbeit und der Suche nach einer Bank – keine triviale Aufgabe angesichts der Auflagen, die für eine öffentlich-rechtliche Institution gelten. Der zeitliche Druck war spürbar. In den ersten Monaten lief vieles noch über meinen privaten Mailaccount, bis es ein halbes Jahr später endlich offizielle Stiftungsadressen gab. Nach etwa sechs Monaten, kurz vor Weihnachten, mussten wir die Räume bei der KfW wieder verlassen, da die Regularien einen dauerhaften Verbleib nicht zuließen. Das BMZ stellte uns daraufhin zwei Büroräume zur Verfügung, doch schnell war klar, dass dies nur eine Übergangslösung sein konnte. Auch der ursprünglich für Januar 2021 geplante Umzug ins Otto-Brock-Haus scheiterte aus verschiedenen Gründen. Olivia und ich haben dann selbst nach geeigneten Büroräumen gesucht und sind im Februar 2021 in unsere heutigen Räumlichkeiten eingezogen. Es hat noch weitere neun Monate gedauert, bis unser gesamtes Team tatsächlich gemeinsam vor Ort war. Olivia und ich haben das Büro also buchstäblich mit eigenen Händen aufgebaut. Trotz dieser improvisierten Anfänge hat der geschäftsmäßige, rund laufende Bürobetrieb von Beginn an funktioniert und sich in der zweiten Jahreshälfte 2021 endgültig etabliert.
Gab es einen Moment oder eine Begegnung in all den Jahren, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt bei mir nicht nur das eine Highlight, sondern mehrere. Immer wieder habe ich mit Ministerinnen und Ministern sowie Staatssekretärinnen und Staatssekretären gesprochen – Begegnungen, die für mich regelmäßig zu besonderen Momenten wurden.
Ein Moment sticht für mich dennoch besonders hervor: die COP in Baku. Dort hatte ich die Möglichkeit, bei einem Regierungstreffen zuzuhören, als der Vertreter Nepals in einer hoch emotionalen Art und Weise die Europäer:innen aufforderte, bei der Umsetzung von Artikel 6, insbesondere Artikel 6.4 des Pariser Abkommens, nicht länger über – wie er es formulierte – „kleinliche Vorgaben“ zu diskutieren, sondern endlich anzufangen.
Sie in Nepal bräuchten diese Projekte, so seine eindringliche Botschaft, und die Europäer:innen sollten akzeptieren, dass sie diese Projekte jetzt haben wollen. Nie anzufangen sei keine Lösung; man könne lieber später noch nachbessern – eine Ansprache, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, da sie tief aus meiner eigenen Überzeugung spricht und meine Stiftungsarbeit stets leitete.
Wo siehst du die größten Chancen und Aufgaben für die Stiftung in den nächsten Jahren?
Für mich liegt eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre darin, dass die Nachhaltigkeitsdiskussion in Deutschland eigentlich keine Diskussion mehr ist, sondern ein Streit. Es wird dringend notwendig sein, wieder zu einer Diskussion mit pragmatischen Ansätzen zu kommen.
Transformation und Nachhaltigkeitsziele erreichen wir nur, wenn wir die Industrie mitnehmen. Darüber hinaus brauchen wir dringend das private Kapital um die Finanzierungslücke zwischen den enormen finanziellen Herausforderungen und dem was durch die öffentlichen Mittel geleistet werden kann zu schließen. Wo, bitte, sollen diese rivaten Mittel denn herkommen, wenn nicht von den Unternehmen. Auch die wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen müssen wir dabei berücksichtigen. Das heißt nicht, dass man nicht ambitioniert sein soll, aber wir müssen uns zu einem Kompromiss verständigen, denn alles andere wird nicht zum Ziel führen. Hier schließt sich für mich der Kreis zum Anfang: Wir brauchen ein exportfähiges Rollenmodell dafür, wie man Industrie und Industrienationen zu einer nachhaltigen Produktionsweise transformieren kann. Aktuell zerstören wir eher, als dass wir transformieren – das wird eine der großen Herausforderungen sein.
Der freiwillige Kohlenstoffmarkt wird dabei eine essenzielle Rolle spielen müssen. Wenn man diese Rolle negiert, wird es keinen Erfolg geben. Die fundamental geführte Diskussion kostet sehr viel Zeit und verhindert, dass wir schneller zu pragmatischen Lösungen und Zwischenlösungen kommen.
Unsere Stiftung ist gut aufgebaut, gerade mit unserem Projektpool und unserer Trägergemeinschaft. Aber auch unsere Stiftung braucht Partner: auf der einen Seite Trägerunternehmen, die bereit sind, die notwendigen finanziellen Ressourcen bereitzustellen, und auf der anderen Seite die Politik, die verstehen muss, worum es geht. Sonst nimmt die Verunsicherung zu, und Nachhaltigkeit hat mittelfristig nicht den Stellenwert, den sie braucht.
Es geht um ein partnerschaftliches Miteinander und nicht um Gegensätze – denn jeder verschenkte Tag, jede verlorene Woche im Streit nutzt den Menschen nicht, der Sache an sich nicht und zuletzt dem Planeten nicht.
Was möchtest du dem Team und den Unterstützer:innen der Allianz zum Abschied sagen?
Ich bedanke mich herzlich: es hat mir sehr viel Spaß gemacht! Dem Team kann ich nur wünschen, dass es diesen Spaß bei aller Ernsthaftigkeit ebenfalls empfindet, und dass es immer neugierig bleibt.
Entwicklungen selbstkritisch zu hinterfragen ist nicht immer leicht. Denn Argumente, die auf den ersten Blick einleuchtend erscheinen, sind es auf den zweiten Blick oft nicht mehr. Da muss man kritisch nachfragen und den gesunden Menschenverstand walten lassen. Ich übe diesen Beruf seit fast 40 Jahren aus, und das war für mich immer ein wichtiger Weg: neugierig zu bleiben, den Mut zu haben, Dinge auch einmal querzudenken und in den größeren Zusammenhang einzuordnen – und mit Kompromissfähigkeit gemeinsam eine Lösung zu finden.
Wie geht es für dich persönlich weiter?
Ein paar Aufgaben werde ich übernehmen, ich werde dem Metier schon verbunden bleiben. Ich werde sicherlich nicht mehr in dieser Art und Weise an meinem Schreibtisch sitzen, aber ich werde mich weiterhin mit der ein oder anderen Aufgabe auseinandersetzen. Es geht für mich also eher in einen Unruhestand als in einen Ruhestand.
Ein Dankeschön zum Abschied
Sechs Jahre, in denen aus einem unterschriebenen Vertrag und zwei Laptops eine funktionierende, anerkannte Stiftung wurde – das ist die Erfolgsbilanz, die Peter Renner hinterlässt. Der Weg dorthin war von Provisorien, Umzügen und digitalen Anfängen geprägt, aber auch von einer klaren Vision: Nachhaltigkeit und Entwicklung nicht gegeneinander, sondern miteinander zu denken, und dabei pragmatische, tragfähige Lösungen über ideologische Grabenkämpfe zu stellen.
Das Team der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima dankt Peter Renner von Herzen für sein Engagement! Auch wenn sein Schreibtisch hier bald leer bleiben wird – ganz aus den Augen verlieren werden wir ihn nicht. Wir wünschen ihm für seinen „Unruhestand“ alles Gute und freuen uns auf alle Gelegenheiten, bei denen sich unsere Wege auch künftig wieder kreuzen werden.


