Gender ist ein Thema, das immer wieder Diskussionen und Unklarheiten aufwirft, und als nachhaltiges Entwicklungsziel (eng.: Sustainable Development Goal, kurz SDG) gleichzeitig ein wichtiger Bestandteil der Entwicklungspolitik.
Unsere Kolleg:innen Dimitrios Karatassios und Nadja Kasolowsky sprechen in diesem Beitrag darüber, was Geschlecht eigentlich bedeutet und wie das mit Entwicklungszusammenarbeit und Klimaschutz zusammenhängt.
DK: Was ist Geschlecht und wenn ja, wie viele?
NK: Das ist schon eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist, wie sie klingt. Grundsätzlich gibt es mehrere Aspekte von Geschlecht. Zum einen gibt es das Geschlecht, mit dem sich Menschen identifizieren — das kann Mann sein, Frau, beides, keines von beidem oder auch keine dieser Kategorien. In Deutschland gibt es mittlerweile den dritten Geschlechtseintrag „divers“, der häufig mit Nicht-Binarität gleichgesetzt wird. Gleichzeitig umfasst Nicht-Binarität ein breites Spektrum von Geschlechtsidentitäten und lässt sich nicht auf eine einzelne Kategorie reduzieren.
DK: Manche argumentieren, dass nicht-binäre Geschlechtsidentitäten ein modernes gesellschaftliches Phänomen seien.
NK: Das stimmt aber nicht. In anderen Gesellschaften gibt es schon lange andere Geschlechtsverständnisse. In Indien, Nepal und Bangladesch werden zum Beispiel Hijra als eigenes Geschlecht anerkannt. Aus unserer Perspektive würden wir sagen, dass es sich um Personen handelt, denen bei der Geburt aufgrund der körperlichen Eigenschaften das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, die aber weiblich konnotierte Kleidung und Erscheinung wählen. Tatsächlich ist das eine komplexe Identität, die eng verknüpft ist mit Religion und sich mit unserer Idee von Geschlecht gar nicht fassen lässt. Hijra leben oft in eigenen Communities und haben eigene Rituale und Regeln – und das schon seit Jahrhunderten.
DK: Spannend. Gibt es dann schon eine klare biologische Trennung zwischen Mann und Frau?
NK: Das ist ein anderer Aspekt von Geschlecht, nämlich das Geschlecht, das uns bei der Geburt zugewiesen wird. Das ist in der Regel entweder männlich oder weiblich und muss nicht gleichbedeutend sein mit unserem tatsächlichen Geschlecht – trans* Personen identifizieren sich mit einem anderen Geschlecht als dem, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Gleichzeitig ist eine Trennung zwischen männlich und weiblich auch nicht so einfach, wie es scheint: Die Vereinten Nationen gehen beispielsweise davon aus, dass bis zu 1,7 % der Weltbevölkerung intergeschlechtlich sind, also denen basierend auf ihren biologischen Merkmalen nicht klar ein Geschlecht zugewiesen werden kann. Zum Vergleich: Das sind etwa so viele Menschen wie der Anteil rothaariger Menschen an der Weltbevölkerung.
DK: Das ist tatsächlich keine so niedrige Zahl. Also sprechen wir immer auch über queere Rechte, wenn wir über Geschlechtergerechtigkeit sprechen?
NK: Wenn wir ein intersektionales Verständnis haben, auf jeden Fall.
DK: Intersektionalität ist ja ein Wort, das in dem Kontext häufiger fällt. Wie würdest du es erklären?
NK: Es bedeutet, verschiedene Formen von Diskriminierung zusammenzudenken, also zum Beispiel Diskriminierung aufgrund von Alter, Herkunft, Behinderung, Rassifizierung oder eben auch sexueller und romantischer Orientierung, weil die zusammenspielen. Schwarze Frauen erfahren andere Formen von Diskriminierung als weiße Frauen, weil sie zusätzlich auch von Rassismus betroffen sind.
DK: Wie sieht denn Diskriminierung aufgrund von Geschlecht überhaupt aus? Natürlich immer im Hinterkopf, dass es nicht die eine Form von Diskriminierung gibt, sondern unterschiedliche soziale, kulturelle, religiöse Einflüsse eine Rolle spielen.
NK: Wenn wir über Geschlechtergerechtigkeit sprechen, denken viele erst mal, es geht darum, wie Frauen von Männern unterdrückt werden. Es geht aber auch darum, erzwungene Geschlechterrollen und dabei eine Gegensätzlichkeit zwischen zwei festgeschriebenen Geschlechtern zu überwinden. In den meisten Gesellschaften gibt es sehr klare Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften und Aufgaben bei Männern und welche bei Frauen liegen. Auch in Deutschland besteht noch bis heute die Annahme, dass Männer arbeiten und Frauen eher zuhause bleiben, um sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, auch wenn wir versuchen, davon wegzukommen. Aber natürlich gehören dazu auch festgeschriebene Rollenvorstellungen, die eigentlich niemand erfüllt – zum Beispiel, dass Frauen grundsätzlich emotional, schwach, naturverbunden und fürsorglich sind und Männer alle rational, stark, aggressiv und beschützend. Es gibt nicht nur zwei Gegensätze und wir müssen uns nicht nur auf die Rolle reduzieren, die uns aufgrund unseres Geschlechts in der Gesellschaft zugeschrieben wird.
DK: Geschlechtergerechtigkeit geht also alle etwas an, nicht nur Frauen.
DK: Trotzdem behaupten vielen Menschen, dass wir doch längst eine Gleichstellung der Geschlechter erreicht haben.
NK: In vielen Ländern werden Frauen immer noch rechtlich benachteiligt – in 61 von 131 Ländern gibt es Gesetze, die Frauen den Zugang von bestimmten Berufen verwehren. Auch in Deutschland braucht es zudem mehr als rechtliche Gleichstellung, um jahrhundertealte Normen zu überwinden, die sich in die Gesellschaft eingebrannt haben. In vielen gesellschaftlichen Bereichen profitieren Männer noch immer von strukturellen Vorteilen – häufig auch ohne, dass dies bewusst wahrgenommen wird. Wenn wir uns für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen, bedeutet das, dass wir uns dafür einsetzen, dass Menschen aller Geschlechter die gleichen Rechte, Möglichkeiten und Zugänge zu Ressourcen haben – genau darum geht es im SDG 5.
DK: Die Vereinten Nationen definieren ja immer Unterziele und Indikatoren dazu, wie ein SDG umgesetzt werden soll. Hast du hier ein Beispiel?
NK: Wir haben vorhin ja schon darüber gesprochen, dass Männer traditionell Lohnarbeit und Frauen Hausarbeit und Care-Arbeit, also die Pflege von Angehörigen und das Kümmern um Kinder, übernehmen. Im Gegensatz zu ersterer wird diese von Frauen übernommene Arbeit weder bezahlt noch wirklich als Arbeit anerkannt – das soll mit dem SDG geändert werden. Frauen leisten weltweit etwa das 2,5-Fache an Care-Arbeit im Vergleich zu Männern und haben dadurch weniger Zeit für Lohnarbeit und Bildung, wodurch sie finanziell abhängig werden. Dadurch, dass sie weniger Zeit haben, um gutbezahlte Jobs auszuüben und zudem immer noch beim Gehalt benachteiligt werden, erhalten sie später beispielsweise auch weniger Rente – in Deutschland mehr als ein Viertel weniger als Männer.
DK: Das zeigt, finde ich, schon ganz gut, wieso das auch für Entwicklungszusammenarbeit ein wichtiges Thema ist. Die letzte Bundesregierung hat Leitlinien für feministische Entwicklungspolitik verabschiedet, was bedeutet das überhaupt? Und was ist unter der neuen Regierung daraus geworden?
NK: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat in dem vor kurzem vorgestellten Reformplan bestätigt, dass die deutsche Entwicklungspolitik feministisch bleibt. Konkret heißt es darin, dass sie „sich für die Rechte, den gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und eine gleichberechtigte Repräsentanz von Frauen und Mädchen sowie marginalisierten Bevölkerungsgruppen“ einsetzt. Sie sollen also aktiv an Prozessen beteiligt werden.
DK: Das ist auch deshalb wichtig, weil Frauen und nicht-binäre Personen generell seltener an Entscheidungen beteiligt sind. Nur jede dritte Führungsposition ist von Frauen besetzt.
NK: Und in Parlamenten sieht es nicht anders aus – auch im Deutschen Bundestag machen Frauen nur ein Drittel aus. Weltweit sind 27 % der Sitze in nationalen Parlamenten von Frauen besetzt. Zu nicht-binären Personen werden häufig gar keine Daten erhoben. Entscheidungen werden auf vielen Ebenen oft ohne Frauen und nicht-binäre Personen getroffen. Das ist zum Beispiel auch bei der Umsetzung von Klimaschutzprojekten relevant, wo es wichtig ist, darauf zu achten, dass auch Frauen und nicht-binäre Personen in Entscheidungen einbezogen sind, damit auch ihre Bedarfe und Perspektiven berücksichtigt werden, die sonst schnell übergangen werden.
DK: Womit wir beim Stichpunkt Klima wären: Wie hängt Klimaschutz mit dem SDG 5 zusammen?
NK: Die Folgen des Klimawandels wirken sich häufig anders auf Frauen und nicht-binäre Personen aus, einfach weil sie oft immer noch anderen Rollenerwartungen unterliegen und weniger Zugang zu Ressourcen und Entscheidungen haben, worüber wir ja gerade schon gesprochen haben. Das heißt zum einen, dass sie anders betroffen sind, aber auch, dass es andere Anpassungsstrategien erfordert.
DK: Hast du da ein Beispiel?
NK: Frauen und Mädchen sind in vielen Gesellschaften traditionell verantwortlich für Wasserholen, vor allem in ländlichen Gebieten ohne direkte Wasserversorgung im Ort. Durch den Klimawandel und die daraus entstehenden Dürren trocknen allerdings viele Wasserquellen aus und Frauen und Mädchen müssen zu weiter entfernten Quellen laufen, was einerseits eine körperliche Belastung ist und andererseits bedeutet, dass sie weniger Zeit für andere Aufgaben, Lohnarbeit oder auch Schulunterricht haben. Laut Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung könnte die Zeit, die Frauen für Wasserholen aufbringen, infolge des Klimawandels um bis zu 30 % steigen.
DK: Das verstärkt dann ja wieder das Problem der finanziellen Abhängigkeit, wenn Frauen keiner Arbeit nachgehen können und Mädchen dadurch weniger Zugang zu Bildung haben.
NK: Absolut. Außerdem sind Frauen und Mädchen dabei einem erhöhten Risiko für geschlechtsbasierte und sexualisierte Gewalt ausgesetzt, beispielsweise in Form von Übergriffen auf dem Weg zu den Wasserquellen.
DK: Mit dem SDG 5 soll auch erreicht werden, dass alle Formen von geschlechtsbasierter Gewalt im öffentlichen und im privaten Raum überwunden werden.
NK: In Deutschland erlebt weniger als alle vier Minuten eine Frau Gewalt durch ihre:n Partner:in, wobei nach Angaben von UN Women und dem BKA knapp 78 % der Tatverdächtigen unter den Fällen partnerschaftlicher Gewalt männlich sind. Fast 86 % aller Überlebenden von sexualisierter Gewalt sind Frauen, von diesen war die Hälfte zum Tatzeitpunkt minderjährig. Weltweit hat laut UN Women jede dritte Frau in ihrem Leben schon mal geschlechtsbasierte Gewalt erfahren. Dabei können die Folgen des Klimawandels das Risiko steigern, denn nach Naturkatastrophen treten häufiger Fälle von sexualisierter und geschlechtsbasierter Gewalt auf. 80 % aller durch den Klimawandel vertriebenen Personen sind laut UNDP Frauen. Außerdem sterben Frauen bei Klimakatastrophen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als Männer.
DK: Migrieren Frauen dann auch häufiger, wenn durch Dürren oder Starkwetterereignisse Ernteausfälle auftreten und dadurch der Lebensunterhalt gefährdet ist, gerade in ländlichen Regionen, in denen Menschen eigentlich eher von Landwirtschaft leben?
NK: Das sieht tatsächlich anders aus. Klimabedingte Migration, also Migration, die im Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels steht, wie zum Beispiel eben bei Ernteausfällen, betrifft deutlich mehr Männer als Frauen, auch weil diese mehr Zugang zu Ressourcen und Entscheidungen haben. Frauen bleiben dann oft zurück und müssen sich neben den ihnen eigentlich zugeteilten Aufgaben wie dem Haushalt und der Care-Arbeit auch um traditionell männliche Aufgaben wie der Landwirtschaft kümmern und erfahren somit eine Doppelbelastung.
DK: Gibt es ihnen trotzdem auch die Möglichkeit, mehr Entscheidungen zu treffen?
NK: Teilweise ja, allerdings sind fehlende Landrechte dabei auch ein großes Problem. Der GIZ zufolge besitzen Frauen weltweit weniger als 15 % der Landrechte, übernehmen aber mehr als 40 % der landwirtschaftlichen Arbeit. In Südasien sind es sogar 71 % der erwerbstätigen Frauen. Selbst wenn Männer nicht migrieren, führt das zu einer ungleichen Verteilung von Einkommen.
DK: Wie drückt sich klimabedingte Migration bei Frauen denn überhaupt aus?
NK: Auch für Frauen kann es eine Anpassungsstrategie gegen die Folgen des Klimawandels sein und eine Möglichkeit, Unabhängigkeit aufzubauen. Allerdings haben sie meist weniger Mittel, landen häufig in prekären Jobverhältnissen und sind einem erhöhten Risiko von geschlechtsbasierter Gewalt ausgesetzt. Ein Mangel an sicheren Migrationswegen sorgt auch dafür, dass viele Frauen und Mädchen gefährdet sind, Menschenhandel zu erfahren. Auch das ist eine Gewaltform, die mit dem SDG 5 überwunden werden soll. 2022 haben Frauen und Mädchen 61 % aller Betroffenen von Menschenhandel ausgemacht. Und auch queere Menschen sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, Gewalt und Diskriminierung zu erfahren, wenn sie migrieren.
DK: Die Folgen des Klimawandels verstärken also geschlechtsbasierte Gewalt.
NK: Richtig. Nach der Vertreibung nach Naturkatastrophen können Frauen und nicht-binäre Personen einem höheren Risiko für geschlechtsbasierte Gewalt in Notunterkünften ausgesetzt sein. Aber auch unabhängig von Migration und Vertreibung steigt das Risiko. Knappheit von Ressourcen kann zum Beispiel dazu führen, dass Frauen dazu gezwungen werden, Sex als Transaktion einzusetzen, wie bei dem Jaboya-System in Kenia, oder dass Familien ihre Töchter minderjährig verheiraten.
DK: Obwohl auch Kinderheirat durch das SDG 5 überwunden werden soll.
NK: Ja, aber dem aktuellen SDG-Bericht zufolge wurden eine von fünf jungen Frauen im Alter von 20-24 Jahren verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt war.
DK: Mit anderen Worten: Es bleibt noch viel zu tun.
NK: Auf jeden Fall, Geschlechtergerechtigkeit gehört zu den SDGs, bei denen wir am weitesten davon entfernt sind, sie zu erreichen. Das liegt auch an dem Backlash, den wir momentan zu dem Thema erleben und den die GIZ zum Beispiel in ihrer Genderstrategie bewusst adressiert. Klima ist auch da ein Fokus. Umso wichtiger ist es, gerade bei Klimafinanzierung und Klimaschutzprojekten Geschlechtergerechtigkeit mitzudenken, Frauen und nicht-binäre Personen einzubeziehen und dazu beizutragen, Ungleichheiten, Benachteiligung und Gewalt zu überwinden.
DK: Das zeigt auch wieder sehr gut, wie die verschiedenen SDGs zusammenhängen.
NK: Jetzt haben wir viel über Geschlechtergerechtigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit und im Klimakontext geredet – was nimmst du daraus mit? Warum denkst du, dass dieses Thema wichtig ist?
DK: Tatsächlich lassen sich in den Klimaschutzprojekten des freiwilligen Kohlenstoffmarkts sehr viele der Faktoren und Umstände wiederfinden, über die wir gerade sprachen. Gleichzeitig zeigt sich, dass ein gut geplantes und aufgelegtes Projekt, das die Dimension Geschlechtergerechtigkeit von Anfang an mitdenkt, einbezieht und umsetzt (z. B. durch umfangreiche Stakeholder-Konsultationen), zahlreiche positive Wirkungen haben kann. Das stimmt mich zuversichtlich, dass es einige gute Ansätze gibt, auch wenn man natürlich festhalten muss, dass die Erreichung von SDG 5 im globalen Maßstab noch einiges an Arbeit erfordert.
1 Wenn Sie selbst unter psychischen Problemen leiden, können sich an ihre:n Hausärzt:in, an Beratungsstellen oder auch an die Telefonseelsorge wenden.


