Scope 3 meistern – Schritt für Schritt

Artikel: Karolina Landowski

Wer Klimaziele ernsthaft verfolgen will, kommt an Scope 3 nicht vorbei. Gleichzeitig stellt dieser Bereich Unternehmen vor Herausforderungen: Emissionen entstehen indirekt entlang vielschichtiger, oft globaler Lieferketten. Was zunächst wie Kontrollverlust wirkt, ist ein strategischer Hebel. Wer seine Scope 3-Emissionen systematisch erfasst, bewertet und reduziert, kann nicht nur Emissionen senken, sondern auch Lieferketten transparenter und zukunftsfähiger gestalten. Doch wie gelingt der Einstieg in dieses komplexe Thema?

Wer sich erstmals intensiver mit seiner Klimabilanz beschäftigt, stößt früher oder später auf Scope 3 und damit auf die zentrale Erkenntnis, dass der Großteil der Emissionen nicht im Unternehmen selbst entsteht, sondern entlang der Wertschöpfungskette. In vielen Branchen macht Scope 3 bis zu 90 Prozent der gesamten Emissionen aus. Es umfasst alle indirekten Treibhausgasemissionen, die vor- und nachgelagert anfallen: vom Einkauf von Rohstoffen über Transportprozesse bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. Das GHG Protocol unterscheidet hierfür 15 Kategorien.

 

Die Auseinandersetzung mit Scope 3 ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Dieser Artikel zeigt, wie Sie ihre Emissionen systematisch erfassen, steuern und schrittweise reduzieren können.

1. Pragmatisch starten

Die erste Hürde bei der Erfassung von Scope 3 ist oft die schiere Komplexität. Lieferketten sind global und viele Emissionsquellen entziehen sich dem direkten Zugriff. Häufig fehlen Primärdaten, und viele Lieferanten können Emissionen noch nicht systematisch berichten. Der Anspruch, erst mit vollständigen Daten zu beginnen, führt daher in die Irre. In der Praxis hat sich daher ein pragmatischer Einstieg bewährt: Unternehmen beginnen mit Näherungswerten, etwa auf Basis von Emissionsfaktoren oder Branchenbenchmarks. Ein großer Teil der benötigten Daten liegt häufig bereits vor oder lässt sich auf Grundlage internen Fachwissens abschätzen.  Diese erste Einordnung liefert kein vollständiges Bild, ermöglicht aber ein Verständnis von Handlungsfeldern.

 

Praxisimpuls:
Beginnen Sie mit einer ersten Bestandsaufnahme, auch auf Basis von Durchschnittswerten. Fortschritt zählt mehr als Vollständigkeit. Entscheidend ist, ein Gefühl für Größenordnungen zu entwickeln.

2. Strukturen schaffen

Die größte Herausforderung von Scope 3 liegt selten in der Berechnung, sondern in der internen Koordination. Unklare Zuständigkeiten und begrenzte Ressourcen bremsen viele Unternehmen aus. Scope 3 betrifft mehrere Bereiche zugleich, etwa Einkauf, Logistik, Nachhaltigkeit und Controlling, doch Verantwortlichkeiten sind oft nicht klar definiert und Prozesse noch nicht etabliert. Klären Sie frühzeitig die zentralen Fragen: Wer erhebt die Daten? Wer kommuniziert mit Lieferant:innen? Und wie fließen die Ergebnisse in strategische Entscheidungen ein?

 

Praxisimpuls:

Definieren Sie klare Zuständigkeiten, stärken Sie die Zusammenarbeit
zwischen Einkauf, Nachhaltigkeit und Controlling und etablieren Sie Prozesse,
die wiederholbar und skalierbar sind.

3. Daten sammeln und verbessern

Scope 3 ist kein einmaliger Berechnungsschritt, sondern ein iterativer Prozess, der mit wachsender Datentiefe optimiert wird. Die Bilanzierung erfolgt meist stufenweise: zunächst mit Sekundärdaten aus öffentlichen Datenbanken oder auf Basis von Einkaufsvolumina, später ergänzt durch spezifische Lieferantendaten. Neben der Datensammlung ist auch die Plausibilisierung entscheidend: Emissionswerte müssen eingeordnet, verglichen und auf ihre Belastbarkeit geprüft werden, etwa durch Benchmarks oder Vorjahresvergleiche.

Orientierung bieten frei verfügbare Standards wie der Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard des GHG Protocol. Er zeigt, wie Daten erhoben, Emissionen berechnet und Ergebnisse berichtet werden. Oder auch der Klimaschutz-Navigator der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima, der Hilfestellung und  Anleitung anhand konkreter Fragen bietet.

 

Praxisimpuls:

Annahmen, Datenquellen und Unsicherheiten sollten nachvollziehbar dokumentiert werden, um die Qualität der Bilanz langfristig zu sichern.

4. Wesentliches priorisieren

Scope 3 umfasst zahlreiche Kategorien – von eingekauften Gütern bis zur Entsorgung verkaufter Produkte. Doch nicht jede der 15 Kategorien ist für jedes Unternehmen gleichermaßen relevant. Entscheidend ist, die wesentlichen Emissionsquellen zu identifizieren und zu priorisieren. Hier setzt die Wesentlichkeitsanalyse an. Sie bewertet Emissionsquellen nicht nur nach ihrem Anteil an der Gesamtbilanz, sondern auch nach ihrer Signifikanz, den Einflussmöglichkeiten des Unternehmens, potenziellen Geschäftsrisiken und regulatorischen Anforderungen, den Erwartungen von Stakeholdern sowie ihrem Bezug zum Kerngeschäft.

Das Factsheet der Stiftung Allianz für Entwicklung und Klima zeigt, wie sich diese Kriterien mit dem Aufwand der Datenerhebung verbinden lassen. So entsteht eine priorisierte Auswahl relevanter Emissionsquellen und damit die Grundlage für eine zielgerichtete Datenerhebung.

 

Praxisimpuls:
Führen Sie eine Wesentlichkeitsanalyse durch: Wo entstehen die größten Emissionen? Wo besteht Einfluss? Wo ergeben sich Risiken oder Transparenzanforderungen? So entsteht Fokus statt Überforderung.

5. Hotspots identifizieren

Erfahrungen zeigen, dass sich Scope 3 häufig konzentriert: Ein kleiner Teil der Lieferkette verursacht den Großteil der Emissionen. Häufig zeigt sich dabei das sogenannte Pareto- oder 80/20-Prinzip – also dass rund 20 Prozent der Emissionsquellen für etwa 80 Prozent der Gesamtemissionen verantwortlich sind. Wer diese „Hotspots“ identifiziert und priorisiert, kann mit vergleichsweise geringem Aufwand die größte Wirkung erzielen.

 

Praxisimpuls:

Konzentrieren Sie sich zunächst auf die größten Emissionstreiber. So erzielen Sie schnell messbare Fortschritte und schaffen die Grundlage für weitere Maßnahmen.

6. Digitalisierung als Beschleuniger nutzen

Viele Unternehmen starten bei der Datenerfassung mit Exceltabellen und stoßen schnell an Grenzen. Unterschiedliche Datenformate, internationale Lieferketten und wiederkehrende Erhebungen machen manuelle Prozesse ineffizient.

 

Praxisimpuls:

Digitale Tools und automatisierte Plattformen helfen, Lieferantendaten strukturiert zu erfassen und auszuwerten.

7. Lieferketten als Partnerschaft begreifen

Ein zentrales Merkmal von Scope 3 ist, dass Emissionen nur gemeinsam mit Partner:innen reduziert werden können. Lieferant:innen sind dabei nicht nur Datenquellen, sondern zentrale Akteur:innen der Transformation, viele stehen jedoch selbst noch am Anfang und benötigen Orientierung. Kooperation wird damit zum entscheidenden Hebel: für die Qualität der Daten ebenso wie für die Umsetzung von Maßnahmen. Unternehmen, die frühzeitig auf Dialog setzen, schaffen bessere Voraussetzungen für belastbare Daten und gemeinsame Lösungen.

 

Praxisimpuls:

Kommunizieren Sie klar, warum Daten benötigt werden, teilen Sie eigene Erkenntnisse und Ziele und entwickeln Sie gemeinsam Maßnahmen. 

8. Minderungsziele und Maßnahmen definieren

Erst wenn aus Daten konkrete Entscheidungen folgen, wird Scope 3 zum Steuerungsinstrument. Unternehmen können bei der Dekarbonisierung in unterschiedlichen Bereichen ansetzen, etwa bei der Auswahl emissionsärmerer Materialien, der Optimierung von Transportprozessen oder der Entwicklung kreislauffähiger Produkte. Ein zentraler Schritt ist dabei die Festlegung von Minderungszielen: Welche Emissionsquellen sollen reduziert
werden? In welchem Umfang? Und in welchem Zeitraum?

 

Praxisimpuls:

Definieren Sie klare, überprüfbare Minderungsziele und leiten Sie daraus konkrete Maßnahmen ab, etwa in Einkauf, Logistik oder Produktentwicklung. Verankern Sie diese in bestehenden Prozessen und überprüfen Sie regelmäßig ihre Wirkung.

Fazit

Scope 3 ist anspruchsvoll, aber handhabbar. Entscheidend dabei ist Kontinuität. Wer sich auf den Weg macht, gewinnt Transparenz über Emissionen, Risiken und Potenziale entlang der Lieferkette und stärkt zugleich die eigene Wettbewerbsfähigkeit.

 

Scope 3 Schritte – auf einen Blick

  • Mit vorhandenen Daten pragmatisch starten
  • Zuständigkeiten frühzeitig klären und verankern
  • Datenqualität schrittweise verbessern
  • Wesentliche Emissionsquellen identifizieren
  • Zentrale Emissionstreiber („Hotspots“) priorisieren
  • Digitale Tools effizient nutzen
  • Partnerschaften entlang der Lieferkette aktiv gestalten
  • Minderungsziele und Maßnahmen definieren und umsetzen

Bilder: Sean Anthony Eddy, Marcin Jozwiak

„Sinn und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch“. Dirk Kannacher (Vorstand, GLS Bank) im Interview.

Text:
 Tom Corrinth
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